Auf Baustellen hört man immer wieder Aussagen, die sich über Jahre irgendwie verselbstständigt haben. Eine davon lautet sinngemäß:
„Holz aus einem alten Dachstuhl ist grundsätzlich A IV-Holz.“
Aus meiner Sicht als Praktiker im Bau ist eine solche pauschale Aussage viel zu einfach gedacht. Denn nicht der Einbauort „Dachstuhl“ entscheidet automatisch über die Altholzkategorie. Entscheidend ist vielmehr, welches Holz tatsächlich vorliegt und wie dieses Holz behandelt wurde.
A I bis A IV – worum geht es überhaupt?
Bei der Entsorgung und Verwertung von Altholz wird in Deutschland zwischen verschiedenen Altholzkategorien unterschieden.
A I umfasst im Wesentlichen naturbelassenes oder lediglich mechanisch bearbeitetes Altholz, das bei seiner Verwendung nicht mehr als unerheblich mit holzfremden Stoffen verunreinigt wurde.
A II umfasst verleimtes, gestrichenes, beschichtetes, lackiertes oder anderweitig behandeltes Altholz, soweit keine halogenorganischen Verbindungen in der Beschichtung und keine Holzschutzmittel enthalten sind.
A III betrifft Altholz mit halogenorganischen Verbindungen in der Beschichtung, jedoch ohne Holzschutzmittel.
Und dann kommt A IV: Hierunter fällt insbesondere mit Holzschutzmitteln behandeltes Altholz sowie weiteres in der Altholzverordnung entsprechend aufgeführtes belastetes Holz.
Ein Dachstuhl ist zunächst einmal eine Konstruktion
Genau hier liegt der entscheidende Punkt.
Ein Balken wird nicht dadurch zu A IV-Holz, dass er jahrzehntelang einen Dachstuhl getragen hat.
Bei einem Dachstuhl können beispielsweise unbehandelte massive Balken vorhanden sein. Ebenso können Hölzer gestrichen oder anderweitig oberflächenbehandelt worden sein. Und natürlich gibt es insbesondere bei älteren Gebäuden auch Dachkonstruktionen, deren Holz in der Vergangenheit mit chemischen Holzschutzmitteln behandelt wurde.
Das muss aber unterschieden werden.
Die Gleichung
DACHSTUHL = A IV
ist deshalb als generelle Aussage nicht geeignet.
Richtig wäre vielmehr:
Dachstuhl ausbauen → Holz und dessen Behandlung beurteilen → anschließend fachgerecht der zutreffenden Altholzkategorie zuordnen.
Gerade bei alten Dachstühlen genau hinsehen
Besondere Aufmerksamkeit ist bei älteren Dachkonstruktionen angebracht. In vergangenen Jahrzehnten wurden teilweise Holzschutzmittel eingesetzt, die heute bei Rückbau und Entsorgung eine erhebliche Rolle spielen können.
Das bedeutet allerdings wiederum nicht, dass deshalb jeder alte Dachbalken automatisch entsprechend belastet ist.
Alter, Herkunft und ursprüngliche Verwendung können wichtige Hinweise liefern. Sie ersetzen bei Zweifelsfällen aber keine fachgerechte Beurteilung.
Auch die reine Optik hat Grenzen. Ein Balken kann auf den ersten Blick vollkommen unspektakulär aussehen und trotzdem behandelt worden sein. Umgekehrt ist eine dunkle oder verfärbte Oberfläche noch kein Beweis für eine bestimmte Schadstoffbelastung.
Auf der Baustelle zählen Fakten statt Pauschalaussagen
Gerade bei Rückbau, Abbruch und Sanierung können falsche Einstufungen erhebliche wirtschaftliche Folgen haben.
Wer beispielsweise große Mengen konstruktives Holz aus einem Gebäude ausbaut und ohne nähere Prüfung pauschal alles als A IV deklariert, kann dadurch vollkommen unnötig höhere Entsorgungskosten produzieren.
Andersherum wäre es natürlich genauso falsch, tatsächlich mit Holzschutzmitteln behandeltes Holz einfach einer niedrigeren Kategorie zuzuordnen.
Deshalb gilt für mich auf dem Bau ein einfacher Grundsatz:
ANSCHAUEN. PRÜFEN. EINORDNEN.
Und bei einer nicht eindeutig feststellbaren Behandlung gegebenenfalls fachkundig untersuchen bzw. mit dem zuständigen Entsorgungsfachbetrieb die erforderliche Einstufung klären.

MARCUS WENZEL: BAU bedeutet auch, Materialien zu verstehen
Wer Rückbau professionell betreibt, muss nicht nur Maschinen bedienen und Material bewegen können.
Man muss wissen, was man vor sich hat.
Holz ist nicht einfach Holz.
Bauschutt ist nicht einfach Bauschutt.
Metall ist nicht einfach Metall.
Und ein alter Dachstuhl ist eben nicht automatisch ein Container voller A IV-Altholz.
Professioneller Rückbau bedeutet für mich, Materialien möglichst früh sauber zu trennen, richtig einzustufen und anschließend den geeigneten Verwertungs- oder Entsorgungsweg zu wählen.
Genau diese Materialkenntnis kann auf einer größeren Baustelle bares Geld wert sein.
MARCUS WENZEL | BAU & BAUMANAGEMENT
MWE SINCE 2009.
MWE-GRUPPE.DE

Schreibe einen Kommentar